Sonntag, 4. Januar 2015
Geräusche einer Ausstellung
harzblut, 13:05h
Seit meinem fünften Lebensjahr gehe ich regelmäßig ins Museum. Fast jeden Sonntag waren wir dort zu Besuch. Meine Kindheit ist verbunden mit Moorleichen und Dinosaurierfährten, Skeletten und ausgestopften Tieren, denn mein erstes Museum, das Landesmuseum in Hannover, hat eine große Naturkundeabteilung.
Obwohl das Museum eine Art zweites Wohnzimmer von unserer Familie war, habe ich die Hallen immer mit großem Respekt betreten. Respekt vor den ausgestellten Dingen, die mich begeisterten und meine Phantasie anregten. Für mich war das Museum, was für andere eine Kirche oder vielleicht die Oper ist. Ein stiller Ort voller Andacht, in dem gedämpfte Stimmen durch die hohen Hallen säuseln. Höchstes ein Hüsteln oder Niesen unter den Gewölben hallt.
Das empfinde ich bis heute so.
Was ein Museumsaufenthalt für die anderen Besucher bedeutet, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht, es ist mir auch egal. Im Idealfall bemerke ich die Anderen nicht, schlimmstenfalls versperren sie mir die Sicht auf ein Artefakt.
Aber es geht auch anders.
Gestern waren wir in Zons im überaus hübschen Kreismuseum. Ziel unseres Besuchs war die Ausstellung über Glücksbringer. Zu Jahresanfang ein schönes Thema, fanden wir.
Wir waren fast die einzigen Besucher. Und da haben wir auch schon die Crux des Besuchs. Wir waren eben nur „fast“ allein.
Vor uns betrat eine fünfköpfige Familie die Ausstellung. Vater, Mutter und drei Jungen.
Glücksschwalben, Störche … Ich wollte gerade damit beginnen, mich über die glücksbringende Vogelwelt zu informieren, da, schallte die Stimme eines etwa zehnjährigen Jungen zu uns herüber. „Die Mistel ist bekannt für ...“ Er las eine der Informationstafeln vor.
Er las den Text laut vor. Sehr, sehr laut.
Ich versuchte, mich auf die Tafel vor mir zu konzentrieren. „Wenn eine Schwalbe am Haus nistet, nistet dort auch das Glück ….“
„Mistel hilft auch gegen E-pe-leps-i-eh ...“
„Epilepsie“, korrigiert die Mutter.
Die Schwalbe … Ich lese den Abschnitt zum dritten Mal.
„Die Mispel wirkt ap-o-to-tro-pä-isch.“
„Apotropäisch, hm, was das heißt, weiß ich auch nicht“, meinte die Mutter. Der Vater murmelt etwas unverständliches.
Ich lese die Schwalben von vorn.
An der Vitrine gegenüber widmet man sich nun den Tigerzähnen. Diese dort? Oder eher das da? Ist das der Iltisschädel …?
Ich war versucht, hinüberzugehen und weiterzuhelfen. Doch schon war der nächste Sohn mit Vorlesen an der Reihe.
Ich bin ein harmoniesüchtiger Mensch. Ich schweige sehr, sehr lange, aber wenn es zuviel wird, greife zum Hammer und werde zum Tier. Ich stand kurz vor der Metamorphose, hatte aber leider keinen Hammer dabei.
Man wandert in den nächsten Raum. Ich atme auf.
„Was bedeutet wohl dieses apotropäisch. Hm, vielleicht außerirdisch ...“, mutmaßt die Mutter. Sie kehren zurück. Die Vitrine war doch noch nicht in Gänze begutachtet.
Ich koche. Mein Mann ist da anders. Freundlich aber bestimmt erhebt er seine Stimme und bittet er die Familie, doch ein wenig leiser zu sein. Schließlich sei man in einem Museum, und wir könnten uns nicht auf die Informationstafeln konzentrieren.
„Na und?“, fragt die Mutter befremdet. „Man kann ja auch nicht alles lesen.“
Ich fange an zu kochen. Soll ich mir von einer offenbar völlig asozialen Mutter sagen lassen, was ich zu lesen habe und was nicht.
„Im Museum ist es üblicherweise ruhig“, meint mein Mann gelassen.
„Och, im Museum muss es ja wohl nicht ruhig sein“, widerspricht die Mutter.
„Es ist ein Frage des Respekts“, sagt mein Mann.
„Respekt. Ja, Respekt ist gut. Aber was hat das jetzt damit zu tun?“, wundert sich die Mutter.
Ich bewundere derweil meinen Mann, der ist die Ruhe selbst. Ich überlege, einzugreifen, habe aber immer noch keinen Hammer.
„Es geht um den Respekt gegenüber den anderen Besuchern, die sich nicht auf ihre Lektüre konzentrieren können.“
„Aha.“
Man sieht es der Frau an, hört es an dem Ton, dass sie nicht versteht, worum es geht. Aber fortan unterhalten sie sich in gedämpften Ton und wir können uns unserem eigenen Ausstellungserlebnis widmen.
Wenn Kinder kein Gefühl dafür haben, Rücksicht auf andere zu nehmen, ist das eine Sache. Aber wenn Eltern nicht in der Lage sind, sich als soziale Wesen zu verhalten und als Vorbild zu dienen, finde ich das tragisch und beunruhigend.
Ja, ich möchte mit Respekt behandelt werden. Aber noch viel mehr möchte ich, dass die Objekte in den Vitrinen, die dort zu unserer Freude und Wissensbereicherung präsentiert werden, respektiert werden. Und es braucht schon ein wenig Ruhe und Aufmerksamkeit, um die Geschichte zu hören, die sie zu erzählen haben.
Obwohl das Museum eine Art zweites Wohnzimmer von unserer Familie war, habe ich die Hallen immer mit großem Respekt betreten. Respekt vor den ausgestellten Dingen, die mich begeisterten und meine Phantasie anregten. Für mich war das Museum, was für andere eine Kirche oder vielleicht die Oper ist. Ein stiller Ort voller Andacht, in dem gedämpfte Stimmen durch die hohen Hallen säuseln. Höchstes ein Hüsteln oder Niesen unter den Gewölben hallt.
Das empfinde ich bis heute so.
Was ein Museumsaufenthalt für die anderen Besucher bedeutet, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht, es ist mir auch egal. Im Idealfall bemerke ich die Anderen nicht, schlimmstenfalls versperren sie mir die Sicht auf ein Artefakt.
Aber es geht auch anders.
Gestern waren wir in Zons im überaus hübschen Kreismuseum. Ziel unseres Besuchs war die Ausstellung über Glücksbringer. Zu Jahresanfang ein schönes Thema, fanden wir.
Wir waren fast die einzigen Besucher. Und da haben wir auch schon die Crux des Besuchs. Wir waren eben nur „fast“ allein.
Vor uns betrat eine fünfköpfige Familie die Ausstellung. Vater, Mutter und drei Jungen.
Glücksschwalben, Störche … Ich wollte gerade damit beginnen, mich über die glücksbringende Vogelwelt zu informieren, da, schallte die Stimme eines etwa zehnjährigen Jungen zu uns herüber. „Die Mistel ist bekannt für ...“ Er las eine der Informationstafeln vor.
Er las den Text laut vor. Sehr, sehr laut.
Ich versuchte, mich auf die Tafel vor mir zu konzentrieren. „Wenn eine Schwalbe am Haus nistet, nistet dort auch das Glück ….“
„Mistel hilft auch gegen E-pe-leps-i-eh ...“
„Epilepsie“, korrigiert die Mutter.
Die Schwalbe … Ich lese den Abschnitt zum dritten Mal.
„Die Mispel wirkt ap-o-to-tro-pä-isch.“
„Apotropäisch, hm, was das heißt, weiß ich auch nicht“, meinte die Mutter. Der Vater murmelt etwas unverständliches.
Ich lese die Schwalben von vorn.
An der Vitrine gegenüber widmet man sich nun den Tigerzähnen. Diese dort? Oder eher das da? Ist das der Iltisschädel …?
Ich war versucht, hinüberzugehen und weiterzuhelfen. Doch schon war der nächste Sohn mit Vorlesen an der Reihe.
Ich bin ein harmoniesüchtiger Mensch. Ich schweige sehr, sehr lange, aber wenn es zuviel wird, greife zum Hammer und werde zum Tier. Ich stand kurz vor der Metamorphose, hatte aber leider keinen Hammer dabei.
Man wandert in den nächsten Raum. Ich atme auf.
„Was bedeutet wohl dieses apotropäisch. Hm, vielleicht außerirdisch ...“, mutmaßt die Mutter. Sie kehren zurück. Die Vitrine war doch noch nicht in Gänze begutachtet.
Ich koche. Mein Mann ist da anders. Freundlich aber bestimmt erhebt er seine Stimme und bittet er die Familie, doch ein wenig leiser zu sein. Schließlich sei man in einem Museum, und wir könnten uns nicht auf die Informationstafeln konzentrieren.
„Na und?“, fragt die Mutter befremdet. „Man kann ja auch nicht alles lesen.“
Ich fange an zu kochen. Soll ich mir von einer offenbar völlig asozialen Mutter sagen lassen, was ich zu lesen habe und was nicht.
„Im Museum ist es üblicherweise ruhig“, meint mein Mann gelassen.
„Och, im Museum muss es ja wohl nicht ruhig sein“, widerspricht die Mutter.
„Es ist ein Frage des Respekts“, sagt mein Mann.
„Respekt. Ja, Respekt ist gut. Aber was hat das jetzt damit zu tun?“, wundert sich die Mutter.
Ich bewundere derweil meinen Mann, der ist die Ruhe selbst. Ich überlege, einzugreifen, habe aber immer noch keinen Hammer.
„Es geht um den Respekt gegenüber den anderen Besuchern, die sich nicht auf ihre Lektüre konzentrieren können.“
„Aha.“
Man sieht es der Frau an, hört es an dem Ton, dass sie nicht versteht, worum es geht. Aber fortan unterhalten sie sich in gedämpften Ton und wir können uns unserem eigenen Ausstellungserlebnis widmen.
Wenn Kinder kein Gefühl dafür haben, Rücksicht auf andere zu nehmen, ist das eine Sache. Aber wenn Eltern nicht in der Lage sind, sich als soziale Wesen zu verhalten und als Vorbild zu dienen, finde ich das tragisch und beunruhigend.
Ja, ich möchte mit Respekt behandelt werden. Aber noch viel mehr möchte ich, dass die Objekte in den Vitrinen, die dort zu unserer Freude und Wissensbereicherung präsentiert werden, respektiert werden. Und es braucht schon ein wenig Ruhe und Aufmerksamkeit, um die Geschichte zu hören, die sie zu erzählen haben.
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